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Ralph Knobelsdorf

Ralph Knobelsdorf, Jahrgang 1967, wurde in Löbau/Sachsen geboren. Der Informatikkaufmann studierte in Halle an der Saale Philosophie, Jura und Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert. Nach Tätigkeiten in Werbe- und Internetagenturen arbeitet er gegenwärtig in einem Unternehmen der IT-Branche. Mit Des Kummers Nacht legt er sein Debüt als Autor historischer Kriminalromane vor. Der begeisterte Eishockeyanhänger und bekennende Liebhaber von Downton Abbey lebt mit Frau und zwei Kindern in Erfurt.

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Interview

»Ich nehme den Leser mit auf eine Reise durch das Berlin vor gut 180 Jahren« | 24.09.2021

Angefangen hat alles mit der britischen Kultserie DOWNTON ABBEY. Ralph Knobelsdorf, geboren 1967 in Löbau (Sachsen), hat zwar Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert studiert. Doch der Informatikkaufmann, der inzwischen in Erfurt lebt, liebt diese englische Serie, die ihn, wie ...

Angefangen hat alles mit der britischen Kultserie DOWNTON ABBEY. Ralph Knobelsdorf, geboren 1967 in Löbau (Sachsen), hat zwar Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert studiert. Doch der Informatikkaufmann, der inzwischen in Erfurt lebt, liebt diese englische Serie, die ihn, wie er sagt, »beeinflusst hat«. »Diese wunderbare Mischung aus historischen Ereignissen, gepaart mit der Geschichte einer Familie, hat mich beeindruckt und inspiriert. Mir schwebte schon lange vor, eine Art Familiensaga zu schreiben. Da ich aber auch Kriminalromane liebe und mich Sherlock Holmes schon früh begeistert hat, verbanden sich bei der Idee für einen eigenen Roman diese beiden Elemente: Familiendramen und Kriminalfälle vor der historischen Kulisse des 19. Jahrhunderts.«
Warum er gerade dieses Jahrhundert und die Epoche zwischen 1855 und 1880 gewählt hat, die er in mehreren Fortsetzungen mit den Abenteuern seines fiktiven Helden Wilhelm von der Heyden Revue passieren lassen möchte? »Viele tausend Jahre hat sich die Menschheit eher gemächlich entwickelt. Doch dann plötzlich, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, hat es einen gewaltigen Aufschwung gegeben. In der Wissenschaft, der Technik, der Medizin. Für mich eine faszinierende Zeit. Dazu befand sich Deutschland in einem enormen politischen Umschwung. Die Napoleonischen Kriege waren vorüber, die Revolutionen um 1848/49 vorbei, und in Preußen entwickelte sich die allgemeine bürgerliche Ordnung, aber auch die Polizei als Schutzmacht dieser Ordnung sehr rasch. 1809 wurde die Polizei in Berlin gegründet, ursprünglich sogar nach englischem Vorbild. In der Zeit, in der mein erstes Buch Des Kummers Nacht spielt, nämlich im Jahr 1855, gab es 36 Reviere mit Kriminalkommissaren und ihnen zugeordneten Schutzmännern. Es ging meist um Prostitution und um die Überwachung verdächtiger Personen, zu denen zum Beispiel Landstreicher zählten«. Diese Frühzeit der Polizeiarbeit in Berlin hat Knobelsdorf mehr gereizt als einen modernen Krimi zu schreiben. Und auch die Ära zwischen 1900 und 1930 ist nicht »sein Ding«. »Romane über Berlin um 1900 und nach dem Ersten Weltkrieg gibt es inzwischen recht viele«, sagt er. Für ihn war die Anfangszeit der Polizeiarbeit spannender. »Überall herrschte Aufbruchsstimmung und es gab erstaunliche Neuerungen. In Berlin fuhr damals schon eine Pferdebuslinie mit festem Fahrplan, in der Charité trafen sich die besten Mediziner der Zeit, weshalb in einem der nächsten Bände auch Berühmtheiten wie Rudolf Virchow auftreten werden. Die Polizei war gut ausgerüstet, und selbst wenn es die moderne Forensik noch nicht gab, fanden sie andere Mittel und Wege, der Kriminalität weitgehend Herr zu werden. So gab es durch die Initiative von Männern wie Wilhelm Stieber, einem kompetenten Kriminalisten und geschickten Organisator der Polizei, ein recht ausgefeiltes System an Informanten, eigentlich eher schon Spitzeln«. Wie ihre britischen Kollegen trugen die Kriminalbeamten keine Schusswaffen, sondern nur Schlagstöcke mit sich. Privat durften sie aber eine Waffe besitzen. Zu ihren Aufgaben gehörten damals die Versorgung von Armenkindern, die Überwachung der Insassen in der Stadtvogtei und im Zuchthaus, die Beobachtung der rund viertausend Bettler sowie die Kontrolle der etwa zwölftausend bereits bekannten Ganoven. Berlin war seinerzeit eine rasant wachsende Stadt, da hier die Industrie um 1830 ihre erste Blüte erreichte, und deshalb immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt strömten. Geradezu der ideale Nährboden für Verbrechertum.
Hier beginnt die Geschichte des jungen Wilhelm von der Heyden, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, in dem sich das Vorbild von Downton Abbey widerspiegelt. Denn die Familienstrukturen von Wilhelms Familie sind komplex, und es gibt noch eine zweite Familie, deren Geschick mit Wilhelms Familie eng verbunden ist. Darüber lastet ein Geheimnis, das, so Knobelsdorf, nach und nach gelüftet werden soll. Viele Irrungen und Wirrungen also, die nicht unbedingt mit Wilhelms Arbeit als Ermittler zu tun haben, aber die der Freude des Autors am Fabulieren entsprechen. »Ich mag Krimis, in denen Nebenhandlungen eine Rolle spielen und bei denen sich nicht alles nur auf den eigentlichen Kriminalfall konzentriert«. Deshalb liebt er die Romane von Elizabeth George, Donna Leon und Andrea Camilleri, in denen es auch immer wieder um familiäre Strukturen und die Entwicklung der Hauptfiguren geht. Der historische Kriminalroman, der natürlich auch den Regeln des Krimis folgen muss in der Hinsicht, dass Konflikte plausibel geklärt werden sollten und der Inhalt stimmig sein muss, bietet zusätzlich den Reiz, fiktive Personen mit realen zu konfrontieren.
Es gibt kaum mehr ein Zeitalter, das nicht schon thematisiert wurde und als Bühne für diverse Verbrechen diente – die Antike, das Mittelalter, die frühe Neuzeit. Und wir haben schon Cäsar und Kleopatra, diverse Kaiser und Könige als Mitstreiter in Krimis erlebt. Das 19. Jahrhundert in Preußen aber ist im Vergleich dazu noch eher Brachland, obwohl es in dieser Zeit viele spannende Persönlichkeiten gegeben hat, die Knobelsdorf geschickt in seinen Plot einbaut. »Natürlich ist es eine große Herausforderung, diese realen Personen mit den fiktiven zu vermischen. Man darf sich bei der Darstellung der historischen Figuren keine Phantasie erlauben und plötzlich aus Bismarck zum Beispiel einen Sozialisten machen. Gerade diese Möglichkeit, die Realität mit der Fiktion zu verbinden, ist ein großer Ansporn für mich«. Aber vor allem auch viel Arbeit mit ausführlichen Recherchen im Internet und in Archiven, wobei die Erschwernisse der diversen Lockdowns den Zugang zu Bibliotheken verhindert haben. »Wie gut, dass es inzwischen ausgefeilte digitale Archive gibt, so dass ich auf alte Zeitungsberichte, frühe Fotos und Dokumente zurückgreifen konnte«, sagt Knobelsdorf. »Noch während des Schreibens ging die Recherche ständig weiter. Ich lege viel Wert auf Genauigkeit und auf Details, vor allem, was die Schauplätze betrifft. Denn ich nehme den Leser mit auf eine Reise durch das Berlin vor gut 180 Jahren und besuche mit ihm den Tiergarten, den Molkenmarkt, die Universität und das Berliner Schloss und die engen Gassen und dunklen Seiten der Stadt«. Für seinen Wilhelm, der für seine Aufgabe als Ermittler ein sogenanntes eidetisches Gedächtnis (fotografisches Gedächtnis) mitbringt, hat Knobelsdorf kein reales Vorbild.
Wilhelm ist eine fiktive Figur, der er in den schon geplanten Fortsetzungen viele Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung einräumt, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch privat. Berlin wandelt sich, und die Figuren gemeinsam mit der Stadt. Auch für die in Des Kummers Nacht geschilderten Kriminalfälle gibt es keine Vorbilder in der Wirklichkeit, wobei ein Ereignis dann doch als eine Art Trigger diente: Der sogenannte Potsdamer Depeschendiebstahl, den auch Bismarck später in seinen Gedanken und Erinnerungen aufgreift. Zwei Kammerdiener des königlichen General-adjutanten Gerlach hatten über Monate hinweg ihrem Herrn Dokumente entwendet und verkauft. Ein sehr heikler Fall, in den auch Polizeipräsident Hinckeldey verwickelt war. Aber die Täter in Des Kummers Nacht finden ein noch wesentlich überzeugenderes Mittel, um sich ihren Zielen zu nähern. Spannungsmomente bezieht Knobelsdorfs Roman natürlich auch aus der Aufklärung von Verbrechen. Aber die Familiengeheimnisse der von der Heydens und Wilhelms Biografie lesen sich ebenfalls packend. Soziale Probleme von damals gleichen manchem, was uns heute wieder umtreibt. Das alte Motto, dass die Zeiten sich ändern, der Mensch sich treu bleibt, trifft auch hier zu. Und doch bringen veränderte Umstände natürlich auch immer neue Verbrechen hervor, denen Knobelsdorf in seiner Reihe nachspüren möchte. Dabei lehnt er Gewaltszenen ab, die nur dem Effekt dienen, und manche Themen vermeidet er. Kindesmord zum Beispiel wird man bei ihm, der selbst Vater von zwei Kindern ist, glücklicherweise nicht finden. An Fällen wird es dem findigen Wilhelm von der Heyden nicht mangeln. Wenn der Autor seinen Plan umsetzt und die Entwicklung Preußens weiterhin als Bühne für Kriminalfälle nutzt, lernen wir nicht nur en passant viel über die deutsche Geschichte, sondern erleben vielleicht im letzten Band, der nach der Entstehung des Deutschen Reichs spielen soll, einen reifen Wilhelm von der Heyden als (fiktiven) Polizeipräsidenten von Berlin. Wir werden es sehen!