Anne Preger - Autor
© Christian Daitche

Anne Preger

Anne Preger macht aus einem Waldspaziergang eine Wissenschaft und aus Wissenschaft einen Spaziergang. Natürliche Zusammenhänge haben sie immer schon fasziniert. Sie hat Geoökologie in Braunschweig, Uppsala und Bayreuth studiert und erzählt am liebsten Geschichten über die Erforschung der Erde. Als mehrfach ausgezeichnete Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin schreibt sie für das Onlinemagazin Riffreporter. Über die Überdosis Stickstoff berichtet sie regelmäßig, unter anderem bei WDR 5, Deutschlandfunk Nova und im Podcast Quarks Storys.

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Interview

„Warum Lachgas alles andere als lustig ist, wie die Welt am Stickstoff zu ersticken droht und wie die Lösungen für gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten aussehen, erzählt die Wissenschaftsjournalistin Anne Preger fundiert und vor allem unverschämt kurzweilig. Richtig so, denn wir haben nicht mehr viel Zeit!“ Prof. Dr. Eckart von Hirschhausen (Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen) | 02.09.2022

Anne Preger, wem empfehlen Sie Ihr Buch besonders und mit welchem Argument?Chemiemuffeln: Es lag nicht an euch, dass ihr mit Chemie nichts anfangen konntet. Lust, das zu ändern? Geschichtspodcasts-Fans: Mein Buch erzählt Hammer-Geschichten aus der Geschichte und verrät, was die uns übers Heute sagen...

Anne Preger, wem empfehlen Sie Ihr Buch besonders und mit welchem Argument?
Chemiemuffeln: Es lag nicht an euch, dass ihr mit Chemie nichts anfangen konntet. Lust, das zu ändern?
Geschichtspodcasts-Fans: Mein Buch erzählt Hammer-Geschichten aus der Geschichte und verrät, was die uns übers Heute sagen.
CSI-Guckerinnen: Wenn man die Spuren der Stickstoff-Überdosis in der Umwelt verfolgt, ist das ein ganz schöner Krimi. Dafür wurden sogar schon ehemalige Spionage-Flugzeuge eingesetzt.
Warum ist Stickstoff ein ganzes Buch wert?
Noch vor 100 bis 150 Jahren hätte sich diese Frage gar nicht gestellt: Denn es war allen bewusst, wie wertvoll Stickstoff in verwertbarer Form ist. Damals wurden darum Kriege geführt, Länder trieben einen Mordsaufwand, um den eigenen Nachschub zu sichern. Denn Stickstoffverbindungen waren heiß begehrt – nicht nur als Dünger, um Ernten sicherzustellen, sondern auch als Zutat für Sprengstoff und Munition.
Inzwischen hat sich die Lage dramatisch verändert: Es gibt zwar immer noch Regionen mit Stickstoff-Mangel, aber insgesamt sind viel zu viele Stickstoffverbindungen im Umlauf und belasten den irdischen Stoffwechsel. Das ist eine wichtige Baustelle, wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten und auf einem Planeten mit gesunder Luft, sauberem Wasser, schützender Ozonschicht und artenreicher Natur leben wollen.
Seine geopolitische Bedeutung entfaltet Stickstoff heute aufgrund des Kriegs in der Ukraine und den damit einhergehenden Folgen für den Welthandel mit Stickstoff-Dünger und Getreide wieder verstärkt.
Wie kommt es, dass wir fast alle etwas mit CO2 verbinden, die meisten Menschen aber keine Ahnung von Stickstoff und dessen Rolle im globalen Stoffhaushalt haben?
Kohlendioxid hat einen Vorteil. Die Hauptaussage passt in einen Satz und damit in jede noch so kurze Meldung zum Thema: Dieses Gas heizt den Klimawandel an.
Auch Stickstoff kommt eigentlich regelmäßig in den Medien vor. Der große Unterschied: Es tarnt sich dort aber mehr oder weniger geschickt: Als Nitrat im Grundwasser, als Stickoxid aus Auspuffen und Schornsteinen, als Algenblüte im Meer, als Klimakiller Lachgas, als Preisanstieg beim Mehl, als ungesunder Feinstaub und als Loch in der Ozonschicht. Es wird aber nur selten erwähnt, dass all diese Dinge mit unserem Umgang mit Stickstoff zusammenhängen.
Warum ist es Ihnen wichtig, dass Menschen mehr über die Bedeutung von Stickstoff erfahren?
Weil in einem nachhaltigeren Umgang mit diesem Element viele Chancen für die Zukunft stecken, oder anders ausgedrückt: Weil ein Weiterso viel Katastrophenpotenzial birgt. Und weil gut informierte Menschen bessere Entscheidungen treffen. Dabei hilft es enorm, wenn all die Stickstoff-Puzzleteile im Kopf nicht weiter lose herumfliegen, sondern zusammengesetzt vorm geistigen Auge liegen.
Wie gelingt es Ihnen bei Ihrer Arbeit als Wissenschaftsjournalistin und -autorin, mitunter sehr komplexe Zusammenhänge so gut zu erklären, dass Ihre Leser:innen und Hörer:innen Ihnen gern folgen?
Ich bleibe neugierig. Wenn ich etwas krass oder spannend finde, dann nehme ich dieses Staunen wahr und gieße es in Sätze. Und zwar möglichst konkret und anschaulich. Ich scheue mich nicht, ganz große Fässer aufzumachen, um zu erklären, warum etwas wichtig ist. Und ich schrecke auch nicht vor schräg anmutenden Vergleichen zurück: Wiegen die Lebensmittel, die ich jedes Jahr in der Küche wegschmeiße, mehr als ich selbst? (Spoiler: Nein). Das alles funktioniert aber nur dann, wenn ich Zusammenhänge vorher gründlich durchdrungen habe. Leichtigkeit ist oft das Ergebnis harter Recherchearbeit.
Was haben Sie selbst bei der Recherche zum Buch gelernt?
Beim Arbeiten am Buch hat sich für mich noch mal eine Erfahrung verfestigt: Wie wertvoll es ist, wenn man die Chance hat, mit Menschen vor Ort zu sprechen, egal ob das Landwirte im Emsland, Naturschützerinnen im Münsterland oder Müllerinnen und Bäcker in Franken sind.
Was hat Sie im Zusammenhang mit dem Thema Stickstoff am meisten überrascht oder auch schockiert?
Wie viel unsere Nutztiere wiegen. Wenn man Menschen, Mäuse, Elefanten, Blauwale und alle anderen Säugetiere der Welt auf eine Waage stellen würde, dann würden alle wilden Säugetiere zusammen es gerade mal noch auf 4 Prozent der Masse bringen. 36 Prozent gehen aufs Konto der Menschen, und die restlichen 60 (!) Prozent stammen von unseren gigantischen Herden an Rindern, Schweinen und anderen Nutztieren. Die zu halten, ist nur deswegen möglich, weil wir Menschen so drastisch in den Stickstoff-Stoffwechsel des Planeten eingreifen und viel Energie investieren, um Luftstickstoff für uns nutzbar zu machen.
Was kann jede und jeder Einzelne von uns tun, um den fatalen Überschuss an Stickstoff nicht weiter zu verschlimmern?
Der größte Hebel ist die Ernährung. Wenn in der Tonne möglichst wenig Lebensmittel landen, die ein paar Tage vorher noch gut gewesen wären, und wenn auf den Teller vor allem Pflanzliches kommt und nur wenig Tierisches – dann zeigt das einen messbaren Effekt. Der Hintergrund: Verglichen mit tierischen Produkten wird beim Herstellen von pflanzlichen Lebensmitteln in der Regel deutlich weniger Stickstoff frei. So entstehen in der Umwelt weniger Schäden und Kosten.
Was müsste die Politik tun, um die richtigen Weichen zu stellen?
Dafür muss man nicht zum Mond fliegen, it’s not rocket science. „Einfach“ dafür zu sorgen, dass all die geltenden Gesetze und Richtlinien in Sachen Stickstoff eingehalten werden – das wäre ein ziemlich guter Anfang.
Stellen Sie sich vor, Sie überreichen dem Bundeslandwirtschaftsminister Ihr Buch. Welche Widmung stünde drin?
„Für Cem Özdemir. So viele Möglichkeiten! Für Inspiration – siehe Kapitel 15 und 16. Für Motivation – siehe Kapitel 12. Herzlich Anne Preger. PS: Anbei auch ein Buch für Ihren Amtskollegen im Verkehrsressort. Mit besonderem Verweis auf das Kapitel zur Auswirkung von Luftverschmutzung auf die Gesundheit.“