Emma Healey - Autor
© Horst A. Friedrichs

Emma Healey

Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Schreiben an der University of East Anglia ab. Elizabeth wird vermisst ist ihr erster Roman, den sie mit gerade mal 28 Jahren vorgelegt hat.
 

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Interview

Interview | 06.03.2014

In ihrem Debüt befasst sich Emma Healey mit dem Thema Alzheimer. Unglaublich sensibel und mit viel Humor schreibt sie über die verheerenden Folgen dieser Krankheit, für die Betroffenen ebenso wie für die Angehörigen. Wie sie als 28 Jährige auf die Idee gekommen ist, ein Roman über Demenz zu schreibe...

In ihrem Debüt befasst sich Emma Healey mit dem Thema Alzheimer. Unglaublich sensibel und mit viel Humor schreibt sie über die verheerenden Folgen dieser Krankheit, für die Betroffenen ebenso wie für die Angehörigen. Wie sie als 28 Jährige auf die Idee gekommen ist, ein Roman über Demenz zu schreiben, verrät Emma Healey im Interview.
Sie sind gerade mal 28 Jahre. Welchem Umstand ist es zu verdanken, dass Sie sich in »Elisabeth wird vermisst« derart intensiv und eindringlich mit dem Thema Alzheimer und Demenz befasst haben?
In der Familie meines Vaters litten einige an Alzheimer, aber ausgelöst wurde mein Interesse an Demenz durch die Mutter meines Vaters, und ich wollte erkunden, wie das wohl ist.
Viele Angehörige von Alzheimer- und Demenz-Patienten werden sich nach der Lektüre von »Elisabeth wird vermisst« sehnlich wünschen, dass es genau so ist, wie Sie es beschreiben: Dass der geliebte Mensch, der immer mehr verlorenzugehen scheint, in Wahrheit nur woanders und dort sowohl emotional als auch kognitiv präsent ist. Was hat Sie auf die Idee gebracht, es so zu schildern, und welche Art von Recherche haben Sie durchgeführt, um es derart überzeugend darstellen zu können?
Immer wenn ich mit Demenz-Patienten Zeit verbrachte (insbesondere mit meiner Großmutter), hatte ich das Gefühl, es müsse einen logischen Grund für diese dem Anschein nach unzusammenhängenden Äußerungen oder bruchstückhaften Unterhaltungen geben. Ich nahm an, dass sie einen Sinn ergeben würden, wenn ich einen Kontext fände. Oft war der scheinbar passende Zusammenhang eine Erinnerung an Kindheit und Jugend – deshalb wurde mein Vater fälschlicherweise für seinen Onkel gehalten, oder kindische Sorgen wie die, den Kuchen für ein Sonntagspicknick zu besorgen, wurden realer als jedes Problem, das sich in der Gegenwart stellte.
Irgendwo stand geschrieben, dass »Elisabeth wird vermisst« nahezu zwanghaft aus Ihnen herauswollte. Wie hat sich das dargestellt und wie lange hat der Schreibprozess insgesamt gedauert?
Eine Geschichte über Demenz aus der Perspektive einer achtzigjährigen Frau hielt ich für ein Romandebüt für ein schlechtes Thema und versuchte, ein „altersgerechteres“ zu finden und stattdessen darüber zu schreiben. Nur packte mich nichts, wie Mauds Stimme es tat, und ich konnte sie nicht loswerden. Das kann ich heute, fünf Jahre später, immer noch nicht!
Angesichts der Komplexität des Romans ein paar Fragen zur Entstehung des Buches:
Hatten Sie vorab ein festes Konzept, an das Sie sich strikt gehalten haben, oder haben Sie es „fließen“ lassen?
Ich wusste, wie das Buch enden sollte, und habe den Epilog schon recht frühzeitig geschrieben, aber die Handlung und Gliederung veränderten sich dadurch, dass ich meine Figuren und ihre Motive besser kennenlernte, viele Male. Ich schreibe nie chronologisch, sondern springe je nach Gemütslage von einer Szene zur anderen, was mir meines Erachtens einen frischeren Schreibstil bewahrt.
Haben Sie die Gegenwarts- und Vergangenheitsteile separat geschrieben oder von vornherein im Wechsel daran gearbeitet?
Ich habe mich zuerst auf die Kapitel konzentriert, die in der Gegenwart spielen, da es darin um die Darstellung/Erkundung von Demenz ging, was mich am meisten interessierte, aber schon bald tauchte ich in die Geschichte aus den 1940er Jahren ein und habe an denen separat gearbeitet. Dann habe ich mir sehr viel Mühe gegeben, die Übergänge von der Gegenwart zur Vergangenheit so weich und natürlich wie möglich zu gestalten.
Ein paar persönliche Fragen: Viele Autoren spüren schon recht früh, häufig bereits in der Kindheit, was Ihnen bestimmt ist. Seit wann wussten Sie tief drinnen, dass Schreiben Ihr Weg ist, und was war Ihre erste schriftstellerische Arbeit?
Ich habe immer sehr gern gelesen und mir auch gern Geschichten ausgedacht, und geschrieben habe ich schon als kleines Mädchen. Zwei Lehrer – einer in der Grundschule und einer in der weiterführenden – machten sehr viel Wirbel um meine kreativen Schreibkünste, und das hat meinen Ehrgeiz geweckt.
Wenn man den bislang veröffentlichten Presseberichten glauben darf, haben Sie nach dem Abitur den Weg als Buchbinderin eingeschlagen. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich habe 2006 an einer Londoner Kunsthochschule einen Bachelor of Arts (mit Auszeichnung) in Buchkunst erworben. Wie viele passionierte Leser neige ich dazu, Bücher als Gegenstände zu fetischisieren, und es war herrlich zu erlernen, wie man Seiten zusammennäht, marmorierte Vorsatzblätter klebt und das Ganze abschließend in Ledereinbände hüllt.
Nach diesem Studium haben Sie an der University of East Anglia Kreatives Schreiben studiert, einen Master Degree erworben und anschließend an Ihrer Alma Mater als Web-Administratorin gearbeitet. Üben Sie diese Tätigkeit immer noch aus oder haben sich Ihnen durch den Erfolg von »Elisabeth wird vermisst« andere Wege eröffnet?
Vor meinem Master-Studiengang an der UEA habe ich in Londoner Kunstgalerien gearbeitet und nach meinem Abschluss in der Bibliothek einer Kunsthochschule. Erst dann habe ich den Web-Marketing-Job an der UEA angenommen und den aufgegeben, um mich auf die Endfassung von »Elisabeth wird vermisst« zu konzentrieren. Außerdem hat man mich kürzlich damit beauftragt, Stop-Motion-Animationen für The Reading Agency zu erstellen.
Wenn Sie sich mit vier Worten selbst beschreiben müssten, welche Worte wären das?
Kreativ, verträumt, ungeduldig, neugierig.
Was wäre Ihr Traumberuf gewesen, wenn Sie nicht Schriftstellerin geworden wären?
Dann wäre ich gern Expertin für etwas ganz Obskures und Spezielles geworden wie eine seltene Käfer-Spezies oder ein besonderes Kapitel in der Kunstgeschichte.
Haben Sie irgendein spezielles literarisches Vorbild, und welche Art von Buch lesen Sie selbst gern in Ihrer Freizeit?
Beißender Humor ist etwas, was ich sehr bewundere, und Barbara Pym und Penelope Fitzgerald sind meines Erachtens wahre Meister darin, wie in jüngerer Zeit auch Alison Moore in ihrem Roman The Lighthouse.
Haben Sie überhaupt noch Freizeit? Wie darf man sich Ihren Alltag vorstellen?
In letzter Zeit habe ich sehr viel korrekturgelesen (was ja kein Wunder ist) und bin immer wieder nach London gereist, um mich dort mit Verlegern, etc. zu treffen. Ich habe ein paar großartige Autoren-Freunde in Norwich, mit denen ich mich häufig treffe, um über Bücher und unsere eigenen Arbeiten zu diskutieren. Ich gehe auch sehr gern ins Fitness-Studio, denn nur dort kann ich mal aufhören zu denken und rein körperlich existieren.
Wenn Sie heute ein Foto von sich machen dürften, das Sie in 20 Jahren zeigt, was wäre auf dem Bild zu sehen?
Ich würde mir wünschen, dass ich dann immer noch Romane schreibe und ein besseres Verständnis für Kurzgeschichten und Poesie bekommen habe. Ich hoffe, dass ich nie aufhören werde, etwas Neues über das Schreiben zu lernen und mein Handwerk zu verbessern.
Zurück zum Buch: Ihnen ist mit Maud eine unvergessliche Protagonistin gelungen. Daneben haben Sie in »Elisabeth wird vermisst« brillant gezeichnete Nebenfiguren geschaffen. Haben sie sich dabei von realen Personen aus Ihrem Umfeld inspirieren lassen oder sind die Charaktere frei erfunden?
Mauds Stimme entspricht stark der Art, wie die Mutter meiner Mutter spricht, und Helen und Katy sind in einigen Aspekten an meine Mutter und mich angelehnt, aber eine erfundene Figur ist niemals die literarische Komplettdarstellung einer realen Person.
Wenn Sie beispielsweise die Pflegekraft Carla, die ein Faible dafür hat, ihren Demenzpatienten schauerliche Geschichten zu erzählen, mit wenigen Worten umreißen müssten, was gäbe es dann über den Hintergrund und das Innenleben dieser Frau zu sagen?
Sie studiert Spanisch an der Universität und arbeitet daneben Teilzeit als Pflegekraft. Sie hat die ihr anvertrauten Patienten wirklich gern und erzählt die unschönen Geschichten nicht, um sie zu verängstigen, sondern um sie zu warnen, damit sie sich in Acht nehmen. Sie hat einen Freund, der in Spanien lebt, und den sieht sie nur ab und an und vermisst ihn sehr.
Mauds Tochter Helen ist der leider so typische Fall einer Frau über 50, die sich nicht nur um eine demenzkranke Mutter kümmern und sorgen muss, sondern daneben auch noch berufstätig ist und eine minderjährige Tochter hat. Reicht das soziale Netzwerk, das derart überforderten Menschen langfristig zur Verfügung steht, Ihrer Einschätzung nach aus, oder was muss da zwingend verändert werden?
Ich weiß nicht, wie die Lage in Deutschland ist, aber im UK ist die Unterstützung für pflegende Angehörige unzureichend. Unsere Regierung versucht unentwegt, die Menschen zu zwingen, diese Arbeit kostenlos neben einer Vollzeit-Erwerbstätigkeit zu verrichten. Es scheint, als wüssten Politiker überhaupt nicht zu schätzen, wie wichtig diese Arbeit ist, wie schwer sie den pflegenden Angehörigen fällt und wie viel Geld die Regierung dadurch einspart, das andernfalls an Krankenhäuser und Pflegeheime, etc. gezahlt werden müsste.
Zollen wir pflegenden Angehörigen in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach grundsätzlich genügend Achtung?
Ich glaube, die Menschen sind sich grundsätzlich darüber im Klaren, wie schwer und wie wichtig diese Arbeit ist, nur Arbeitgebern mangelt es oftmals an Verständnis und Einsicht – es wird verlangt, dass die Leute immer mehr und länger arbeiten ohne Rücksicht auf die Verpflichtungen, die sie ihren Familien gegenüber haben. Früher wurde diese Problematik hauptsächlich mit Frauen in Verbindung gebracht, die Kinder großzogen, aber inzwischen ist es meiner Meinung nach so, dass sich beide Geschlechter zunehmend mehr um ihre älter werdenden Eltern kümmern müssen, und über kurz oder lang wird dieses Thema formaler behandelt werden müssen.
Mauds Enkelin Katy geht in »Elisabeth wird vermisst« recht locker mit Omas veränderter Wahrnehmung der Realität um. Erstens: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass es Jugendlichen häufig leichter fällt, einen Draht zu alten, mental „seltsamen“ Menschen herzustellen, als es der eher älteren Generation gelingt?
Die Enkelkinder sind in der Regel nicht die Hauptbetreuer ihrer Großeltern, was bedeutet, dass sie sich ohne die ‚Last’ der Verantwortung mit den älteren Menschen beschäftigen können. Sie können Spaß mit ihnen haben, sie als eigenständige Menschen sehen, denn sie müssen nicht all die Hausarbeit und den Papierkram, usw. erledigen.
Und zweitens: Halten Sie persönlich es für „gesund“, wenn ein so junger Mensch, der noch auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, derart hautnah mit altersbedingtem Identitätsverlust konfrontiert wird – und wenn ja, warum, und wenn nein, warum nicht?
Ich glaube nicht nur, dass das gesund sind, sondern halte es für wichtig, dass junge Leute mit Menschen jeden Alters konfrontiert werden, denn wie sollen sie sonst ein abgerundetes Weltbild entwickeln? Wie sollen sie sonst Einfühlungsvermögen für Menschen entwickeln, die nicht zu ihrer eigenen Altersgruppe gehören?
Könnten Sie sich vorstellen, eine Fortsetzung vom »Elisabeth wird vermisst« zu schreiben, die aus Helens oder Katys Perspektive erzählt wird? Oder schwebt Ihnen für Ihr nächstes Buch, – das es ja hoffentlich geben wird –, ein gänzlich anderes Thema vor? Und: Schreiben Sie schon daran?
Ich kann mir nicht vorstellen, eine Fortsetzung zu schreiben. Während meiner Arbeit an dem Buch habe ich das Innenleben der genannten Figuren weitgehend erforscht, und meiner Empfindung nach habe ich ihre Anschauungen so eingehend durchblicken lassen, dass es da im Moment für mich nichts weiter zu erforschen gibt.
Die letzte Frage: Umfragen zufolge ist die Angst vor Alzheimer und Demenz bei vielen Menschen heute größer als die Angst vor Krebs. Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Roman »Elisabeth wird vermisst« zumindest einen Teil dieser Ängste abbauen können, und was würden Sie Menschen mit auf den Weg geben, die in diesem Moment damit konfrontiert werden, dass einer ihrer liebsten Angehörigen ein Betroffener ist?
Als ich mit der Arbeit an »Elisabeth wird vermisst« begann, dachte ich, die Erfahrung würde vielleicht zu einer Katharsis, dass die Auseinandersetzung mit der Krankheit und damit, wie es wohl ist, sie zu haben, die Angst lindern würde, die ich vor ihr habe. Leider beängstigt mich die Vorstellung, dass einer meiner Eltern daran erkranken könnte, heute mehr denn je. Weil ich mich so intensiv damit befasst habe, wie Demenz aus denen, die man am besten zu kennen glaubt, Fremde macht. Das ist nicht gerade eine optimistische Schlussbemerkung, nur kann ich nicht einfach so tun, als sei diese Vorstellung nicht beängstigend. Ich habe versucht, Humor und Unbeschwertheit in den Roman einfließen zu lassen, weil die tatsächlich auch dazugehören, war mir aber immer bewusst, wie verheerend die Folgen von Demenz sind, für die Betroffenen ebenso wie für die Angehörigen.